Wenn Konzerte im Handylicht erstrahlen

Im Juli war ich mal wieder auf einem Konzert – Max Herre MTV Unplugged auf dem Münchner Tollwood. Vor Konzertbeginn kam eine Durchsage, dass doch bitte alle Besucher ihre Handys ausschalten sollen. Gemacht hat es natürlich niemand. Wieso auch? Wie sollte man heutzutage ein Konzert ohne Handy auch nur ansatzweise überleben?

Es nimmt schon vor Konzertbeginn seinen Lauf … Um sich die Wartezeit zu vertreiben, nimmt man das Handy in die Hand und macht ein Selfie nach dem anderen, mal von sich alleine, mal mit der besten Freundin, mal mit der Bühne im Hintergrund und mal füllen die anderen Besucher den Hintergrund des Bildes. Wobei hier vermutlich wieder mindestens die Hälfte mit einem Handy in der Hand abgelichtet wird. Bis hier her ist das alles ja noch kein Problem. Erinnerungsfotos sind was nettes und wenn jemand an Selfies seine Freude hat, dann nur zu.

Aber warum zur Hölle geben Menschen über 38 Euro für eine Konzertkarte – und übrigens auch für ein wirklich sehenswertes Konzert aus, um die komplette Veranstaltung nur durch ihre pixelige Handykamera zu verfolgen? Und warum steht diese Art von Menschen immer genau vor mir und zwingt mich dazu mir das Konzert ebenfalls über das kleine Display anzusehen, weil mir die Sicht von in die Luft gehaltenen Mobiltelefonen versperrt wird? Auch hier möchte ich wieder anmerken, wenn jemand mal ein paar Sekunden meint filmen zu müssen dann soll er das gerne tun. Aber das komplette Konzert über? Dann schmuggelt doch wenigstens eine richtige Kamera in die Konzerthalle und macht ansehnliche Aufnahmen die ihr im Anschluss illegalerweise auf YouTube veröffentlicht – bis diese in kürzester Zeit sowieso wieder gesperrt werden. Aber bitte bitte verschont mich mit eurer Handy-Filmerei.

Mal ehrlich, hat sich irgendjemand von Euch die gefilmten Videos jemals wieder angesehen? Was macht man dann damit? Auf alle Fälle besser mal den Ton abschalten, denn das verzehrte Gerausche ist wirklich kein Genuss. Und dann hat man ein pixeliges verwackeltes Video – auf dem Handy. Ich wette die wenigsten von Euch haben überhaupt jemals den Aufwand aufgebracht die Videos zumindest irgendwo lokal zu speichern. Bestenfalls verschickt Ihr diese über WhatsApp oder postet sie bei Facebook. Aber natürlich nicht aus Nächstenliebe um Eure Freunde an diesem Konzert teilhaben zu lassen, sondern einzig und allein um allen zu zeigen: „Schaut her ICH war auch dem Max Herre Konzert. Seid alle bitte neidisch auf mich!“

Aber das Schlimmste daran ist, dass Ihr Euch damit selbst das Erleben des „Hier und Jetzt“ nehmt: Ihr könntet jetzt den Augenblick inhalieren, alle Sinneskanäle aufmachen und genießen. Statt dessen aber opfert Ihr den Genuss des „JETZT“ für einen faden Abklatsch, den Ihr irgendwann löscht oder mit Eurem Handy entsorgt.

Aber was sagen eigentlich die Künstler selbst dazu, dass die Konzerte und die Performance kaum mehr Beachtung finden und es scheinbar nur noch darum geht, dass das Handy eine möglichst gute Sicht auf die Bühne hat? Also ich selbst habe es schon häufiger miterlebt, dass die Künstler darum bitten die Handys in den Taschen zu lassen, so zum Beispiel passiert auf einem The Lumineers-Konzert – als sie ihren Hit „Hey ho“ unplugged in der Menge performed haben. Die meisten Konzertbesucher haben sich auch daran gehalten. Die US-Rockband The Yeah Yeah Yeahs lässt in den Konzerthallen teilweise sogar Plakate mit der Message „hört auf zu filmen“ aufhängen. Andere Künstler lassen ihre Auftritte inzwischen semi-professionell filmen. So können die Fans das Konzert zu hause noch einmal ansehen und in Erinnerungen schwelgen, müssen sich ihre Videosouvenirs allerdings nicht selbst erstellen.

Aber es gibt sie doch, diese seltenen Momente in denen beleuchtete Handydisplays plötzlich einen Sinn bekommen. Spätestens seit dem Rauchverbot hat nicht mehr jeder Konzertbesucher ein Feuerzeug in der Tasche, aber dafür ein Handy. Und auch wenn es nicht ganz so romantisch wirkt wie echtes Feuer, so muss ich zugeben, wenn man in die künstlich beleuchtete Menge blickt dann ist es „fast“ wie früher. Früher, als man die Fotos noch mit einer Kamera geknipst hat, das Handy nur in die Luft gehalten wurde wenn man ein ganz bestimmtes Lieblingslied mit der Person auf der anderen Seite der Leitung teilen wollte und früher, als man vor den Konzerten (zumindest vor offiziellen Videoaufzeichnungen) noch Feuerzeuge an die Konzertgäste verschenkt hat. Und weshalb? Einfach weil es auf den Videos später schöner aussah.

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